Ist das der Gipfel?

KOMMENTAR. Erste Berechnungen der Internationalen Energieagentur zum CO2-Ausstoß im vergangenen Jahr nähren die Hoffnung, dass Klimaschutz und Wirtschaftswachstum vereinbar sind. Den gestern veröffentlichten Zahlen zufolge stagnierten die Emissionen dieses Treibhausgases 2019 auf dem Vorjahresniveau von rund 33 Milliarden Tonnen, obwohl die Weltwirtschaft um rund drei Prozent wuchs. Ist damit das von Experten auch „Peak CO2“ genannte Maximum erreicht? Es gibt hinreichend Indikatoren, dass solcher Optimismus fehl am Platz ist.

Eine genauere Analyse der Zahlen zeigt, wie die „schwarze Null“ in der CO2-Bilanz zustande kommt: Die hochentwickelten Staaten haben ihre Emissionen um jene fast 400 Millionen Tonnen abgesenkt, die im Rest der Welt hinzukamen. Sowohl die Einsparungen auf der Nordhalbkugel als auch der moderate Zuwachs in China und dem Süden sind mitnichten nur dem Umstieg auf erneuerbare Energieträger und höherer Energieeffizienz zu verdanken. Die größte Absenkung erzielte die Europäische Union mit 160 Millionen eingesparten Tonnen. Wichtigster Grund dafür: Die Stromerzeugung aus Kohlekraftwerken nahm um 25 Prozent ab, während die aus Gaskraftwerken um 15 Prozent anstieg – eine Folge der mittlerweile deutlich gestiegenen Preise für CO2-Zertifikate. Zwar erwähnt die Energieagentur lobend den Anteil der Erneuerbaren an der deutschen Stromproduktion. Der für die kommenden Jahre maßgebliche Ausbau ist jedoch mittlerweile ins Stocken geraten. Die zweitgrößte CO2-Einsparung erbrachten die Vereinigten Staaten mit einem Minus von 100 Millionen Tonnen. Auch hier nennt die Energieagentur den Umstieg von Kohle auf Gas als wichtigsten Grund. Zudem habe das insgesamt milde Wetter den Energiebedarf für Heizung und Klimatisierung gesenkt. Ein grundsätzliches Umschwenken auf Erneuerbare ist hingegen zumindest bis zum Ende der Präsidentschaft Donald Trumps nicht in Sicht – und auch dann würde es lange Jahre dauern, eine moderne Energieinfrastruktur aufzubauen.

Noch skeptischer darf man auf den moderaten Zuwachs der CO2-Emissionen in China sehen. Wichtigster Grund für die Verlangsamung ist das abgeschwächte Wirtschaftswachstum im Reich der Mitte, das im Jahr 2019 nach offiziellen Angaben noch etwas mehr als sechs Prozent betrug. Zudem verweist die Energieagentur darauf, dass sieben neue Kernkraftwerke im vergangenen Jahr erstmals im Regelbetrieb waren. In den übrigen Wachstumsmärkten zeigt sich ein inhomogenes Bild. So gingen in Indien die Emissionen aus dem Energiesektor zwar etwas zurück, wurden jedoch durch den Zuwachs im Verkehrssektor vollständig kompensiert. Und in Südostasien – Indonesien voran – wächst die Kohleverstromung ebenso robust wie die Volkswirtschaft. Und letztlich ist nicht zu vergessen: Die Zahlen der Energieagentur berücksichtigen nur die CO2-Emissionen aus der Verbrennung fossiler Energierohstoffe, andere Quellen – etwa das Methan aus der Viehwirtschaft – sind nicht berücksichtigt. Sich zurückzulehnen und zu erwarten, ab jetzt führe der Weg automatisch in eine klimaneutrale Weltwirtschaft, wäre nicht nur allzu optimistisch, sondern geradezu fahrlässig. So ist zwar die Substitution von Kohle durch Gas eine angemessene Sofortmaßnahme, aber wenn sich mit wachsendem Wohlstand die Energienachfrage verdoppelt, hilft es auch nichts, dass pro Kilowattstunde bis zu 40 Prozent weniger CO2 ausgestoßen werden. Die an sich gute Nachricht bedeutet nichts anderes als eine Atempause, die der Menschheit etwas mehr Zeit verschafft, ein wirklich nachhaltiges Energiesystem zu schaffen. 

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