Wenigstens das Klima

Trost sucht der Mensch auch in verzweifelter Lage. „Wenigstens für das Klima war 2020 ein gutes Jahr“, ist dieser Tage immer wieder zu hören. Doch stimmt das eigentlich? Richtig ist an dieser Behauptung auf jeden Fall, dass ohne die Corona-Pandemie wohl mehr Treibhausgase in die Atmosphäre gelangt wären. Tatsächlich ist aber eine Aussage über die CO2-Intensität unseres Wirtschaftens wertlos, wenn die Emissionswerte nicht mit der Wirtschaftsleistung korreliert werden. Nun sind endgültige Werte für 2020 noch nicht verfügbar. Und doch lässt sich meines Erachtens eine Tendenz bereits erkennen.

Laut ifo-Institut schrumpfte die deutsche Wirtschaft im Jahr 2020 um 5,1 Prozent. Der Energieverbrauch Deutschlands hingegen sank um 8,7 Prozent, wenn die vor rund zehn Tagen veröffentlichte Prognose der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen zutrifft. Mithin ist die Energieproduktivität Deutschlands spürbar gestiegen. Zudem hat sich der Energiemix weiter in Richtung erneuerbarer Energieträger verschoben, ihr Anteil am Primärenergieverbrauch stieg um rund drei Prozent, während CO2-intensive Braun- und Steinkohle jeweils etwa 18 Prozent verloren. Alles gut also? Mitnichten!

Denn dass die Wirtschaftsleistung trotz der dramatischen Einschnitte in das öffentliche Leben „nur“ um fünf Prozent zurück geht, ist auf das beherzte Eingreifen des Staates zurückzuführen. Das aber hat seinen Preis: Allein die Neuverschuldung des Bundes trifft einen Vier-Personen-Haushalt mit mehr als 10.000 Euro, die zukünftig durch Abgaben und Steuern wieder auszugleichen sind. Hinzu kommen zahlreiche Hilfsprogramme der Bundesländer und auf europäischer Ebene, die ebenfalls durch Verschuldung finanziert werden. Selbst ein wohlhabendes Land wie Deutschland hält so einen Weg nicht lange durch. Also: Für nachhaltiges und klimafreundliches Wirtschaften haben die 2020er-Zahlen keinerlei Aussagekraft. In Langfristbetrachtungen – oder auch für die Festlegung von Grenzwerten und Zielen – sollten sie keinesfalls als Basisjahr herangezogen werden.

Als wegweisend für den Klimaschutz dürften sich hingegen drei Ereignisse des Jahres 2020 erweisen. Erstens die Wahl des Demokraten Joe Biden zum US-Präsidenten, der in seiner Amtszeit zwei Billionen US-Dollar (nein, kein Übersetzungsfehler) in Klimaschutztechnologien investieren will. Zweitens die Ankündigung Chinas, bis zum Jahr 2060 klimaneutral zu werden und damit ein Drittel der gesamten CO2-Emissionen der Menschheit zu eliminieren. Und drittens die Wasserstoffstrategien Deutschlands und Europas, die erstmals einen Weg für nicht-fossile chemische Energieträger eröffnen und damit eine echte Energiewende in den Sektoren Gebäude, Industrie und Verkehr ermöglichen. Dass schon Absichtserklärungen Früchte tragen können, zeigt das Engagement von Porsche und Siemens Energy in Chile: Ab 2022 werden dort erstmals synthetische Kraftstoffe in großem Maßstab klimaneutral produziert.

Für Journalisten war 2020 übrigens kein gutes Jahr. Denn guter Journalismus lebt nicht nur von Videokonferenzen und Internet-Recherche, sondern auch von der persönlichen Anschauung vor Ort und dem spontanen, ungeplanten Gespräch. Die dafür notwendigen Reisen fielen dieses Jahr fast vollständig aus, ebenso alle wichtigen Konferenzen und Messen. Zwar haben sich fast alle Veranstalter um virtuellen Ersatz bemüht. Doch diese dienten primär einer Einbahnstraßen-Kommunikation. Für den sonst gepflegten Diskurs untereinander war weder Zeit noch Raum. Mit „wenigstens war es gut für das Klima“ kann ich mich über die mir fehlenden Reisen nicht hinwegtrösten. Denn mittlerweile bin ich überwiegend klimaneutral unterwegs.Im besten Fall besiegt die Menschheit das Corona-Virus im Lauf des kommenden Jahres und hat dabei gelernt, dass die ganz großen Überlebensfragen – dazu gehört der Klimaschutz zweifelsohne – nur durch Wissenschaft und internationale Kooperation gelöst werden können. Gleichzeitig, auch das gehört zu meiner Positivvision, schätzen immer mehr Menschen guten Journalismus als „systemrelevant“ ein und entwickeln eine entsprechende Zahlungsbereitschaft. 

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