Die Messe ist gelesen

MÜNCHEN. Ein Hochamt der Autobranche, nichts anderes war die Internationale Automobilausstellung (IAA) über Jahrzehnte. Wer zur Gemeinde gehörte, pilgerte alle zwei Jahre nach Frankfurt. Nicht zuletzt der autokritische Oberbürgermeister der Mainmetropole gab dann den Anlass, die vom Verband der Automobilindustrie (VDA) veranstaltete Messe ab 2021 nach München zu verlagern. Ein neues liturgisches Konzept war ohnehin überfällig, das andächtige Betrachten kunstvoll geformten Blechs fand schon in den letzten Jahren weniger Anhänger. Hinzu kam eine zunehmende Zahl an Ketzern, die in jedem neuen Auto einen Vorboten der Klima-Apokalypse sahen. 

Nun also findet die erste reformierte Messe in München statt, unter strikten Sicherheitsvorkehrungen, sprich mit umfassenden Corona-Schutzmaßnahmen und unter omnipräsentem Polizeischutz. In gewisser Weise handelt es sich bei dem neuen Messekonzept eher um lebensfrohen Reformkatholizismus als um puritanischen Calvinismus. Das gilt zumindest für den auf verschiedene zentrale Plätze in der Innenstadt verteilten Ausstellungsteil, in dem die pure Freude am Auto vorherrscht. Das Gedränge war bereits am ersten Nachmittag groß. Kein Wunder, können hier doch Sportwagen mit mehreren Hundert Pferdestärken bewundert werden – und das ganz ohne schlechtes Gewissen. Denn die europäische Politik hat der Autoindustrie einen Ablasshandel vorgeschlagen, den diese gar nicht abschlagen konnte: Wenn der Antrieb elektrisch ist, werden die CO2-Emissionen mit Null Gramm pro Kilometer veranschlagt, egal wie der getankte Strom erzeugt wird. Elektrisches Autofahren heißt demnach, klimaneutral mobil zu sein. Wie sehr dieser Glaubenssatz die Interessen von Konsumenten und Produzenten zur Deckung bringt, wird auf dem Audi-Stand auf dem Wittelsbacher Platz deutlich: Mahnend zeigen Displays Eisberge und Gletscher, subtil mit der Botschaft verbunden, dass der Umstieg auf ein neues Elektroauto einen Beitrag dazu leisten könnte, den gefährlichen Klimawandel aufzuhalten.

In der Sakristei – der „Summit“ genannten Fachveranstaltung auf dem Messegelände am Stadtrand – diskutieren die Hohepriester der individuellen Mobilität weitaus differenzierter. Volkwagen-Chef Herbert Diess beichtet öffentlich, dass das Mittelklasse-Elektroauto ID3 aktuell über den gesamten Lebenszyklus noch eine CO2-Emission von circa 27 Tonnen verursacht. Rund die Hälfte dieses Werts entfällt auf den Strom in der Nutzungsphase, der Rest auf die Produktion von Fahrzeug und Batterie. Zur Orientierung: 27 Tonnen entsprechend der Menge Treibhausgase, die ein deutscher Einwohner in drei Jahren insgesamt ausstößt. „Grüner Strom ist die Voraussetzung für die Dekarbonisierung des Transportsektors“, so Diess. Dass immer mehr Elektroautos nur dann klimaneutral fahren, wenn die Erzeugung des ohnehin vollständig verbrauchten Grünstroms zunimmt, hat der Manager verstanden und mahnt die Politik, den Ausbau schnell voranzutreiben. Auch die Produktion will Diess klimafreundlicher gestalten, wobei er nicht über die vom Konzern durchaus praktizierten Ablasszahlungen – etwa für Aufforstungen – spricht, sondern über die Rückgewinnung nicht vermeidbarer Emissionen aus der Luft. Perspektivisch sei das für einen Preis von 100 Euro pro Tonne CO2 möglich. 

Fast an Ketzerei reicht es hingegen, wenn Diess das Auto an sich als das „am schlechtesten genutzte Asset der Welt“ bezeichnet. Eine bessere Nutzungsquote sei auch ein Beitrag zum Klimaschutz. Beträgt die durchschnittliche Fahrzeit derzeit etwa eine Stunde pro Tag, könnte diese bereits durch Carsharing verdoppelt werden. Und Mobilitätsdienstleistungen mit autonomen Shuttles, wie sie die VW-Tochter MOIA schon in wenigen Jahren anbieten will, könnten die Quote um den Faktor 3 bis 4 erhöhen. Wolf-Henning Scheider, Chef des Zulieferers ZF sagt sogar voraus: Ein autonomes Shuttle-Fahrzeug kann bis zu zehn Pkw ersetzen. Dennoch: Auf der in „IAA Mobility“ umgetauften Messe machen sich solche innovativen Fahrzeugkonzepte rar. Immerhin räumt Hyundai einem 2023 in Kleinserie produzierten Robo-Taxi Raum ein, doch das wird erst einmal nur von Lyft in den USA eingesetzt.

Bewusst vernachlässige ich an dieser Stelle den Versuch, die IAA Mobility auch als Messe für das elektrisch unterstützte Fahrrad zu etablieren. Nicht nur, weil dieses Produkt, wie an zahlreichen ausgestellten Objekten nachvollziehbar, unter dem gleichen Defizit leidet wie die angeblich besonders effizienten Elektro-SUVs: Die Masse steigt und damit die aufzuwendende Energie. Die breiten Reifen mögen das Selbstbewusstsein des Fahrers steigern, in der Stadt sind sie völlig sinnbefreit. Abgesehen davon: Manche der ausgestellten Lastenräder verbrauchen die halbe Parkfläche eines Golf oder Astra, können aber nur einen Erwachsenen und ein Kleinkind transportieren.

Zumindest der Standbau ist in München nachhaltiger als er in Frankfurt je war. Einerseits weil für deutlich kleinere Stände auch weniger Material eingesetzt werden muss, andererseits weil mit der Digitalisierung der Trend zur Dematerialisierung einher geht. Was soll ein Dienste leistender Software-Entwickler denn außer Bildschirmen auch auf den Stand stellen? Und wo Materialität unabdingbar ist, weil sich physikalisch reale Distanzen nicht durch Beten überwinden lassen, verdrängt der Gedanke von der ewigen Wiedergeburt (Circular Economy) den Glauben an die einmalige Auferstehung (Recycling). BMW geht mit der Studie „i Vision Circular“ voran, und Michelin ersetzt beim Verschleißteil Reifen fossile Rohstoffe durch Joghurtbecher.Erst nach der Messe, vielleicht sogar mit geraumen zeitlichen Abstand, wird festzustellen sein, ob von München Impulse für eine Erneuerung ausgingen. Nicht auszuschließen ist dabei, dass Glauben und Handeln nicht immer zur Deckung kommen.  

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